Stress und Overeating: Wie Stress Essverhalten beeinflusse kann?

Dass Stress irgendwie auf unser Essverhalten wirkt, haben wir hier schon oft besprochen. Auch zum Thema Heißhunger ist das Thema sehr interessant, wie ich zusammen mit -Team RAWO hier schon angemerkt habe > http://www.raw360.at/2017/01/28/cravings-heisshungerattacken/ :

,,In einer Studie wird beschrieben, dass das Überfressen, ein Teil von Heißhunger, u.a. getriggert wird durch Stress, welcher zu einem Wegfall der Hemmung zu essen führt. Trigger, wie z.B. Stress, nennt man dann Enthemmer [3]. Stress ist also ein möglicher Auslöser‘‘

Nun eine neue Arbeit, die sich dem Thema annimmt. Auch hier geht man auf stressinduziertes Essen ein (wir essen gerne energiereiche, schmackhafte Lebensmittel unter Stress):
►20 Jahre Forschung zeigen ein verändertes Essverhalten (Block et al., 2009; Born et al., 2009; Dallman, 2010; Epel et al., 2001; Kandiah et al., 2006), wir haben sozusagen ein Str(ess)verhalten

Die neue Arbeit beschäftigt sich mit einer möglichen Lösung oder eher einem Ansatz -
Stressantwort (Stress Response) Vs. Entspannungsantwort (Relaxation Response):
►Stressoren können psychologisch oder physiologisch sein
►die akute Antwort ist ,,Flucht oder Kampf‘‘, wobei Energiespeicher mobilisiert werden und essentielle Stoffe werden zu Orten geliefert, die wichtig sind (es geht im eigentliche Sinne um das Überleben aber chronischer Stress ist schlecht – McEwen, 2008
►die ,,Relaxation Response‘‘ ist das Gegenteil zur Stressantwort, die des parasympathischen Systems und beinhaltet z.B. einen gesenkten Muskeltonus (Haltung sollte relaxed sein), mentalen Fokus (ohne Ablenkung), eine nicht beurteilende Haltung (man erlaubt das Weiterziehen von Gedanken z.B.), ruhige Umwelt (oft Augen geschlossen)

Overeating (Überessen) durch Stress – Wenn Stress der gesunden Ernährung in den Weg kommt:
►Studien zeigten, dass Stress die Nahrungsauswahl beeinflusst (Dallman, 2010; Roberts, 2014)
►Stress beeinflusst die Vorliebe für Dinge mit viel Fett und Zucker (Epel et al., 2001; Macht, 2008; Newman et al., 2007; Rutters et al., 2009)
►von weniger Gemüseaufnahme wurde berichtet (Ledoux et al., 2012; Mikolajczyk et al., 2009; O’Connor et al., 2008; Unusan 2006)
►Stress kann zu einem suboptimal Essverhalten führen und somit zu Übergewichtsproblemen auf der Welt beitragen (Jauch-Chara and Oltmanns, 2014; Sinha and Jastreboff, 2013)
►die Wissenschaft beschäftigt sich mit Stress und Binge-Eating und Bulimie (Hilbert et al., 2011; Smyth et al., 2007; Sulkowski et al., 2011)
►wir essen nicht nur für Energie. auch das hedonistische Essen ist ein Grund (aus Lust und für ,,Reward‘‘ aka belohnende Wirkung), so zeigte eine brasilianische Studie mit Frauen, dass 77% der Frauen als Antwort auf Stress von Süß-Heißhunger berichteten (Verlangen danach in den letzten 3 Monaten) Vs. 31% bei den Frauen, die nicht gestresst waren
►Es gibt die Idee, dass Stress zu einer reduzierten Sensitivität in Bezug auf die Süßwahrnehmung führt (wir genießen unter Stress, so eine Hypothese, weniger die Leckereien, was zu mehr davon führt, damit es wieder zum gewohnten Genuss kommt). Auch die Reward-Aktivierung im Gehirn könnte verändert werden, so berichtet eine Arbeit davon, dass Teilnehmer mit akuten Stress mehr Fülle an Geschmack suchten. Vielleicht, so die Arbeit, wird mehr gegessen für den gleichen Reward-Effekt
►Neurotransmitter könnten Teil des Problems sein, so könnte akuter Stress zu Dopamin (Release) führen (Neurotransmitter), ein Motivator (motiviert leckere Dinge zu suchen) und dies könnte auch die Wachsamkeit in Richtung ungesunde Food-Cues (Auslösereize von Lebensmitteln) erhöhen. Gibt man Tieren das Hungerhormon Ghrelin (unten mehr dazu) in Reward-Areale, erhöht sich der Dopamin-Release und die Kalorienaufnahme. Gibt man Menschen intravenös Ghrelin, sieht man via Magnetresonanztomographie eine veränderte Gehirnaktivität im Bereichen für Reward
►Stress würde somit dazu führen, dass wir Ernährungsreize eher wahrnehmen oder leckere Lebensmittel und die Motivation für diese Kalorienbombe erhöhen
►Stress kann laut Arbeit geplantes Verhalten stören und kann zu mehr automatischen und unbewussten Handlungen in Richtung schmackhafte Dinge (Suche) führen und weiter könnte Stress dem eigenen Fokus schaden und negatives Denken fördern (das schlimmste von einer Situation denken), was unsere Entscheidung beeinflussen könnte. Wir essen vielleicht emotionaler und man hat eventuell weniger Sorge um gesunde Esspraktiken (weniger gesunde Auswahl bei Stress)
►Stress würde somit laut Arbeit, die Fähigkeit erschöpfen, zielgerichtetes Verhalten zu verfolgen (mindless eating)
►Stress kann zu negativen Emotionen führen und Essen könnte hier diese Emotionen herunter regulieren, so zeigten Macht and Mueller (2007), dass Schoko im Labor die induzierte schlechte Stimmung linderte (wirkte aber nur einige Minuten, was ich für die Praxis interessant finde) für einige Minuten und Overeating wäre dann die Dauerlösung für den Tag, um den Effekt zu verlängern und daher kommt auch der Begriff ,,Comfort Food‘‘ (Dallman et al., 2005), also Nahrungsseelentröster, wenn man so will. Das positive Erleben von Lebensmitteln kann somit negative Gefühle beeinflussen. Aber nicht alle Forscher sehen das so (Wagner et al. 2014), wenn es um Overeating und Laune geht, wie in der Arbeit ,,The myth of comfort food. Health Psychology‘‘. Zu dieser Kritik gibt es hier mehr Infos (Artikel von mir zum Thema: Macht Schokolade glücklicher als Müsli oder Stille? Und wenn, wie lange?) Guckst du hier – https://www.facebook.com/Figurwechsel1.0/posts/1953682644873622
►schmackhafte Dinge könnten ablenken vom Stressor, die Idee gibt es auch
►es kann einen Unterschied geben zwischen psychologischem Stress und physiologischem Stress in Bezug auf den Appetit, wo mehr psychologische Stressoren eher zu Overeating führen (O’Connor et al., 2008)
►interessanter Gedanke: Es ist nicht der Stress per se, sondern die Stresswahrnehmung der negativen Konsequenzen, die zu negativen Gesundheitskonsequenzen führen kann (wie schädlich ist Stress für mich: Stress Mindset). Bringt mich der Stress gerade weiter (erhöhte Erregung, Schärfe, verbesserte Immunität, intellektuelles Wachstum). Dies könnte die schädlichen Effekte überwinden, welche sich im Verhalten oder hormonell zeigen würden (Crum et al., 2013). Mehr dazu in der Arbeit ,, Rethinking stress: the role of mindsets in determining the stress response. Journal of Personality and Social Psychology‘‘. In der genannten Arbeit geht man darauf ein, dass Stress verbunden ist mit negativen Gesundheitsfolgen, Verlust der Produktivität und Depressionen aber das das Annehmen eines neuen Stress-Mindsets zu positiven Gesundheitsfolgen führt und besserer Arbeitsleistung. Nicht mehr Stress suchen aber nicht unbedingt weniger Stress anpeilen immer. Fokus auf die erweiternden Aspekte durch das Stress-Enhancing-Mindset

Cortisol (Stresshormon) und Ghrelin (Hungerhormon):
►Cortisol scheint wichtig zu sein für das Stressessen
►steigt 15 Minuten – 60 Minuten nach Stressor
►es gibt Evidenz, dass dieses Hormon unseren Appetit beeinflusst, z.B. beobachtet bei 40 mg Cortisol über 4 Tage, was zu mehr Kalorien führte Vs. Placebo
►auch für die Auswahl in Richtung energiedichte Lebensmittel gibt es Evidenz in Bezug auf Cortisol (mehr Cortisol wirkte anders als weniger Cortisol) aber es gibt auch Forschung, wo weniger gegessen wurde von Übergewichtige Vs. Normalgewichtigen nach einem Stressor, was an einer unterschiedlichen Sensitivität für Stress liegen kann und ob die Stressantwort chronisch ist oder kurz, etc.
►Pawlow und Co (2003) sahen, dass 20 Minuten progressive Muskelrelaxation auf Cortisolwerte Einfluss genommen hat, genau wie Chellew et al. (2015), der eine Wirkung auf Cortisollevel sah nach Sessions von 45 Minuten (eine Woche)
►Rouach et al. (2007) sahen erhöhte Level an Ghrelin als Antwort auf einen Stressor, was aber nicht mit einem erhöhten Zwang, zu essen verbunden war
►Erhöhung von Ghrelin durch Stress auch bestätigt durch Jaremka et al., 2014; Monteleone et al., 2012 aber keine wirklichen Unterschiede sah man bei Macedo and Diez-Garcia, 2014; Raspopow et al., 2010)

Wenn Stress uns verführt (ist individuell, wie wir reagieren), könnte die Entspannungsantwort, der Zustand, den wir als Relaxation Response betrachten, protektiv wirken. Oder?
►leider wenig Research
►Pawlow und Kollegen (2003) berichten von weniger Hunger nach einer Woche mit einem Home-Guide für Relaxation (Progressive Muscular Relaxation). Hier ging es aber auch um das Night-Eating-Syndrom
►Auch Vander Wal et al. (2015) beobachteten weniger Kalos am Abend durch Muskelrelaxation
►weniger emotionales Essen durch progressive Muskelrelaxation plus beruhigende Bilder (Manzoni et al., 2008; Manzoni et al., 2009)
►Jordan et al. (2014) zeigten, dass 15 Minuten Body-Scan zu 24% weniger Energieaufnahme führte in einem Test
►Achtsamkeit (Mindfulness) und Relaxation sind also sehr interessant, auch wenn sie laut Arbeit nicht das gleiche sein müssen
►schon alleine eine Session (Relaxation) führt zu einem geringeren Ruhepuls und reduzierte weitere Symptome (Depressionen und Angst)
►ein Follow-Up-Studie (Manzoni et al., 2009) zeigte weniger emotionales Essen (Vs. Kontrollgruppe) und eine bessere Esskontrolle (bei fordernden Situationen). Hier gab es Relaxationstraining (12 Sessions) mit Virtual Reality (Narrative plus entspannende Umgebung mit dem Namen ,,named Green Valley‘‘, man sieht Berglandschaft und einen See) und MP3-Player. Es gab hier wieder die progressive Muskelrelaxation, wenn man sich die Originalarbeit anschaut. Wer mehr zum Ablauf wissen will, der sollte folgende Arbeiten lesen: 1. Can Relaxation Training Reduce Emotional Eating in Women with Obesity? An Exploratory Study with 3 Months of Follow-Up 2. New technologies and relaxation:an explorative studyon obese patients with emotional eating
►Relaxation kann einige Aspekte beeinflussen (Gewichtsverlust, gesundes Essen, reduzierte depressive Level, etc.) und könnte Verhaltensressourcen und psychologische Ressourcen verbessern, so das Fazit.

Der Stressesser könnte therapeutisch profitieren von Strategien, welche die Stressantwort beeinflussen oder da eingreifen, wo wir zum Stressesser, zum Str(esser) werden.

Wenn Stress via psychologischer und/ oder physiologischer Mechanismen Appetit (Verlangen zu essen) beeinflusst, macht ein Ansatz hier ja Sinn. Man könnte Stresshormone oder Neuropeptide, die eine Folge von Stress sind, beeinflussen vielleicht, die den Mechanismus erklären.

Stressinduziertes Essen kann laut dieser Arbeit beschrieben werden durch ein neurologisches Zusammenspiel von Energiegleichgewicht und Reward-Mechanismen. Stress könnte also zu emotionalen, kognitiven und Verhaltenskonsequenzen führen.

Quelle:
Stress-induced eating and the relaxation response as a potential antidote: A review and hypothesis – https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28789869

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